Leseprobe: Glitzernde Nächte

Wie in der Luft schweben. Dieses Gefühl, wenn man verliebt ist. Wie ertrinken, wenn dir das Herz gebrochen wird. Ein ätzendes Gefühl. Lässt sich nur mit viel Alkohol ertragen. Mir wurde das Herz gebrochen. Am letzten Wochenende vor dem Schulbeginn. Meinem letzten Schuljahr. Von meinem ersten Freund. Er hieß Tobias und war 19. Er hatte sich auf so einen Typen eingelassen, weil es ihm bei mir wohl nicht schnell genug ging. Dabei war ich der erste Junge, mit dem er rumgemacht hatte. Vorher war er hetero. Zumindest hatte er sich das eingeredet und dann traf er mich. Timo, 17 Jahre alt, schwul. Schon immer. Auch wenn ich mir das lange nicht eingestehen wollte. Tobias war nicht der erste Junge, aber der erste mit dem ich zusammen war. Ich war richtig verknallt. Drei Monate. Und dann zerplatzte die Seifenblase. Ich war einer von diesen Jungs, die an die Liebe glaubten. Davon gab es ja nicht so viele. Ich hätte es einfach wie mein bester Freund Sebastian machen sollen. Er glaubte nicht an die Liebe. Sebastian sagte immer, Mädchen stehen auf Arschlöcher. Und irgendwie hatte er auch recht. Er konnte sie noch so mies behandeln, sie wollten trotzdem mit ihm schlafen. Er war mein einziger Freund. Tobias hatte per Telefon mit mir Schluss gemacht. Wahrscheinlich hätte er sich gar nicht mehr gemeldet, wenn ich ihn nicht angerufen hätte. Er brauchte seine Freiheit, versuchte er mir zu erklären. Und nur, weil er diesen Typen kennengelernt hatte. Ich fühlte mich leer. Liebe – was für ein beschissenes Gefühl.


Sebastian und ich lagen auf dem angewärmten Teerdeich an der Nordsee. Der Wind wehte hier etwas stärker als in der Kleinstadt, in der wir wohnten, aber es war ein warmer angenehmer Wind. Die Sonne stand noch hoch über dem Meer und das Wasser schwappte gleichmäßig gegen die Buhnen. Wir hatten zwei Flaschen Bier dabei, genau das richtige bei Kater und prosteten uns zu. Die Möwen kreischten laut, wenn ein Kutter durch die Schleuse fuhr und umkreisten ihn, immer in der Hoffnung, etwas vom Fang abzubekommen. Ich habe das Meer immer geliebt. Es ist so weitläufig und grenzenlos. Wie lange man wohl schwimmen müsste bis man ans nächste Festland kam? Für einen kurzen Moment überlegte ich einfach loszurennen zum Wasser hin, einzutauchen und nie wieder zu kommen. Ob ich jemals hier wegkommen würde? Sebastian lag neben mir und hatte die Augen geschlossen. Ich beobachtete ihn einen Moment. Er sah gut aus und er wusste das. Ich fand mich eher so mittelmäßig.


Gestern Abend waren Sebastian und ich in unserer Stammdisko. Clubs, so wie in der Großstadt, gab es hier nicht. Hier gab es nur Diskotheken mit dem Charme einer dieser Hitparaden-Sendungen aus den Siebzigern oder superfuturistisch mit Lasershow und Nebelkanone. Basti war der beste Weggefährte, den ich mir zu dem Zeitpunkt vorstellen konnte. Wir hatten den ganzen Abend getanzt und gesoffen, bis ich Tobias vergessen hatte und irgendwann kotzen musste. Dann kam der Filmriss und die Party war vorbei. Und jetzt lagen wir hier in der Sonne am Meer, an diesem Spätsommernachmittag, und ich wünschte mir, dass die Zeit stehen blieb, zumindest für eine Minute, dass morgen nicht der erste Schultag war und Tobias sich aus meinen Gedanken verpisste.

 

„Glitzernde Nächte“ erschien Februar 2018 im Himmelstürmer Verlag.