Leseprobe: Die Nacht ist für uns

Es war 23 Uhr, als der Bus in den Stadtverkehr eintauchte. Ich war noch nie in Berlin gewesen. Bis jetzt. Von der Autobahn fuhr der Bus über Prenzlauer Berg Richtung Ostbahnhof. Alles war eine Nummer größer. Die Straßen, die Häuser, die Wege. Ich schaute an den Häuserwänden entlang bis in den schwarzen Himmel. Hier sah ich nicht einen Stern. Ich hatte Sebastian versprochen, dass ich die beginnende HIV-Therapie mit ihm durchstehen würde. Und jetzt hatte ich mein Versprechen gebrochen, weil ich nicht mehr mit meinem Vater unter einem Dach leben konnte.
Lennart stand in der Nähe des Eingangs zum Ostbahnhof, während ich wartete, dass der Busfahrer meine Tasche aus dem Gepäckfach holte. Nur einen Monat hatte ich es ohne ihn ausgehalten. Ein Monat, der mir vorkam wie eine Ewigkeit. Ich zitterte vor Aufregung. Dann endlich hielt ich meine Tasche in der Hand. Am liebsten wäre ich zu ihm gerannt. Lennart trat seine Zigarette aus und schlenderte mir entgegen. Die Sommernacht war warm, er trug ein ärmelloses Shirt und eine abgeschnittene Jeans zu seinen abgelaufenen Turnschuhen. Seine Haare hatte er unter einer Schirmmütze versteckt. Er grinste unverschämt einladend.
Ich versuchte cool zu bleiben, doch als er vor mir stand, konnte ich nicht anders und schloss meine Arme um ihn, wollte ihn nicht mehr loslassen, und an der festen Umarmung um meinen Körper spürte ich, dass es ihm genauso ging. Weil ich mich nicht traute ihn hier zu küssen, vergrub ich mein Gesicht in seiner Halsbeuge. Ein Reflex in der Öffentlichkeit.
Lennart strich über meinen Kopf. Ich sah ihn an. Er lächelte. Wie sehr ich sein Lächeln vermisst hatte, bemerkte ich erst jetzt. Ich sammelte meine Tasche vom Boden auf und wir
machten uns auf den Weg zur S-Bahn Richtung Lichtenberg. Auf einer Vierer-Bank setzten wir uns gegenüber und konnten nicht aufhören zu grinsen. Mit seinem Bein spielte er an meinem Unterschenkel und schaute aus dem Fenster.
„Meine Mutter hat Nachtschicht. Wir werden alleine sein.“ Er biss sich auf die Unterlippe. „Aber sei nicht geschockt. Ist nicht so schön wie bei dir.“
In Kaltenbüttel hätte ich mich nie getraut, aber ich griff nach Lennarts Hand und er nahm es als Anlass sich neben mich zu setzen. Er legte seinen Kopf an meine Schulter und schaute mich von unten an.
„Ich habe dich vermisst.“

Meine Augen huschten zu den anderen Mitfahrenden. Kaum einer achtete auf uns. Ich war jetzt in Berlin und nicht mehr in Kaltenbüttel. Allerdings hatte Lennart einmal erwähnt, dass es auch hier Idioten gab. Darum drückte ich nur meine Wange an seine Stirn und flüsterte: „Ich dich auch.“

Wir stiegen in einem Stadtteil im Osten Berlins aus. In Lichtenberg. Lennart sagte immer, er würde in der hässlichsten Siedlung von ganz Berlin leben. Nur Plattenbauten aus DDR- Zeiten, die gebaut wurden, als Wohnungen gebraucht wurden. Im Sommer zu warm und im Winter zu kalt. Er konnte die Nachbarn husten hören. Dafür war es billig, was eine entsprechende Klientel anzog. Ich versuchte mir vorzustellen wie es aussehen würde. Im kleinen Format gab es diese Art von Häusern auch in meiner Heimatstadt. Doch eigentlich kannte ich solche Wohngebiete nur aus dem Fernsehen. In meinen Vorstellungen musste Lichtenberg einer dieser Vororte von Paris ähneln, die Banlieue, wo Armut herrschte und den Alltag regierte, wo Rap-Videos gedreht wurden und tätowierte Männer mit teuren Autos und leicht bekleideten Frauen vor Waschbeton-Fassaden posierten. Alles falsch, wie ich herausfand. Der Block, in dem Lennart wohnte, sah nicht besonders schön aus, die Umgebung war aber sauber. Während ich nach oben zu den beleuchteten Fenstern schaute, fragte ich mich, wie viele Menschen hier lebten. Auf der anderen Seite befand sich ein identischer Wohnblock. Zwischen den Häusern lag ein Spielplatz im Dunkeln und ich konnte ihn mehr erahnen als sehen. An der Eingangstür fielen mir die Klingeln auf. Es hatten sechzehn Parteien Platz. Im Hausflur standen zwei Kinderwagen und es roch nach scharfen Putzmitteln.

Im Fahrstuhl nach oben realisierten wir, dass wir zum ersten Mal an diesem Abend alleine waren und lachten. Lennart machte einen Schritt auf mich zu, berührte zärtlich meine Lippen mit seinen. Der Fahrstuhl hielt an. Lennarts Kuss hatte mich angefixt wie ein Süchtiger. Und dann, nachdem er endlich die Tür zur Wohnung aufgeschlossen hatte, waren wir wirklich alleine. Er suchte den Lichtschalter. Ich küsste ihn im Dunkeln, während er die Tür gerade noch zudrückte. Der Kuss schmeckte, als müssten wir die vier Wochen ohne einander aufholen. Er schob mich gegen etwas Hartes. Die Tür hinter mir wurde geöffnet und ich stolperte mit ihm in den Raum hinein, ohne meine Lippen von seinen zu lösen. Die Tür flog zu. Lennart schubste mich auf eine Matratze und kletterte auf mich. Ich schlang meine Arme um seinen Körper, küsste ihn, spürte seinen steifen Penis durch die Hose an meinem Bauch. Er kicherte. Dann tauchte eine Lampe neben dem Bett das Zimmer in ein warmes Licht. Mit einem Auge versuchte ich, das Zimmer zu erfassen, aber als Lenny mir die Hose auszog und mit nacktem Oberkörper auf mir saß, war die Umgebung eindeutig zweitrangig.

Ich hatte ihn so verdammt vermisst.

 

„Die Nacht ist für uns“ erschien im März 2020 im Himmelstürmer Verlag.