Leseprobe:
Dazwischengeschichten

Als die Wassergeister ihre Seele verloren

In einem Monat werde ich dreizehn Jahre alt. Mein Geburtstag fällt auf das Mittsommerfest. Der Tag, an dem nordische Länder die Sonnenwende feiern. In dieser Nacht sollen magische Dinge geschehen, sagt man. In meinem Leben ist noch keine Magie passiert, obwohl ich es mir jeden Tag wünsche.

Meine Mutter verschwand einen Tag vor meinem siebten Geburtstag. Ich habe meinen Vater früher oft gefragt, warum meine Mutter nicht mehr da ist. Die wurde von Blutshunden erwischt, sagte er dann immer mit schnaubender Nase. Keiner hätte diese Blutshunde je gesehen und doch würde es sie geben. Nachts sollen sie kommen und in den Wäldern verirrten Lebewesen das Blut aussaugen. Und klein sollen sie sein. Gerade mal so groß wie ein Daumennagel. Als ich älter war und ihn erneut fragte, meinte er, meine Mutter sei über alle Berge verschwunden. Wohin genau, konnte er mir nicht sagen. Oder wollte nicht. Vielleicht war sie von den Wichteln verschleppt worden. Hinter den Fichten. Bei den sieben Wichteln. So wie Schneewittchen. Das war jedenfalls damals meine Theorie.

Mittlerweile glaube ich, dass sie aus anderen Gründen abgehauen ist. Aus zwischenmenschlichen, wes-halb sich Menschen nun mal trennen. Das Einzige, was ich mir nie erklären konnte, war die Tatsache, dass sie auch keinen Kontakt mehr zu mir aufgenommen hat.

Geboren wurde ich als Edita. Meine Mutter gab mir diesen Namen. Er bedeutet „die Kämpferin“. Seit sie weg ist, bin ich Eddie. Ich finde den Namen viel passender. Früher wurde ich oft für einen Jungen gehalten, wegen meiner kurzen Haare. Das macht mir nichts aus, denn ich bin kein typisches Mädchen. Wir sind auch keine typische Familie.

An meinem siebten Geburtstag machten mein Vater und ich einen Spaziergang zum Fluss. Ich war schon oft mit ihm hier gewesen, aber noch nie so früh am Tag. Trüb und dunkel lag der Fluss an diesem Morgen vor uns. Die Sonne war gerade erst aufgegangen und die Nebelschwaden von den Feldern glitzerten im Licht, als würden Geisterarme versuchen, aus dem Erdboden herauszukriechen. Ich schaute über den Fluss. Wasserdampf stieg wabernd empor.

„Wassergeister“, sagte mein Vater. „Sie suchen ihre Seele.“

„Warum machen sie das?“, fragte ich.

„Sie haben sie verloren.“

„Und warum haben sie sie verloren?“

„Es gibt diese Sage, dass vor sehr langer Zeit in diesen Gewässern ein junges Mädchen ertrank. Sie war auf der Suche nach Perlen. Du musst wissen, früher soll es in diesem Fluss Muscheln gegeben haben, die Perlen in sich trugen. Die Muscheln liegen tief unten auf dem Grund, aber niemand darf sie holen. Sie gehören den Wassergeistern. Die Wassergeister leben im Schilf, dort, wo das Wasser seicht und klar ist. Die Perlen sind ihre Nahrung. Wunderschön sollen sie sein und rosafarben schimmern. Ein Wanderer hatte nach eigenen Aussagen eine davon im Schlick am Ufer gefunden. Er bastelte daraus eine Halskette und schenkte sie seiner Tochter, als sie noch sehr jung war. Je älter sie wurde, desto mehr lernte sie den Wert der Perle zu schätzen. Als ihr jemand hundert Goldtaler für die Perle bot, wurde sie gierig, obwohl ihr Vater sie immer davor gewarnt hatte, nach den Perlen zu suchen. Sie schlich nachts zum Fluss, damit sie keiner bemerkte, legte ihre Kleider ab und ging baden. Sie konnte den Grund des Flusses nicht ausmachen, also tauchte sie ab. Sie musste tief hinabtauchen, so tief, dass ihr dreimal die Luft ausging und sie vorzeitig an die Oberfläche zurückkehren musste. Beim vierten Mal berührte sie mit ihren Fingern den Grund. Sie griff sich eine von den Muscheln, die sie blind ertastete, und tauchte nach oben. Doch den Wassergeistern blieb das nicht verborgen. Das Mädchen war gerade an der Oberfläche angekommen und wollte zurück an das Ufer schwimmen, da packte etwas sehr Glattes ihre Knöchel und ließ sie nicht mehr los. Je mehr sie sich wehrte, desto fester wurde der Griff. Sie wollte sich loswinden, doch sie wurde immer wieder unter die Wasseroberfläche gezogen, bis sie keine Luft mehr bekam und ertrank. Die Wassergeister hatten bis dahin noch nie einen Menschen getötet.

Als der Wanderer am nächsten Morgen seine Tochter wecken wollte und sie nicht in ihrem Bett vorfand, ahnte er Schlimmes. Er suchte sie überall, doch er konnte sie nicht finden. Erst als er zum Flussufer ging, sah er ihren leblosen Körper im Schilf liegen. Der Wanderer hielt seine tote Tochter in den Armen und weinte bitterlich um sie. In ihrer Hand fand er eine verschlossene Muschel, und als er sie öffnete, war sie leer. Er hörte ein leises Wimmern, sah auf. Da bemerkte er, wie Dunst aus dem Fluss aufstieg. Die Seelen der Wassergeister wurden mit dem Tod des Mädchens verbannt, und die Perlen in den Muscheln am Grund des Flusses verschwanden von einem Tag auf den anderen.“

Ich glaube nicht an Geister, schon gar nicht an Wassergeister. Ich glaube aber, dass mein Vater Angst hatte, noch eine geliebte Person zu verlieren. Seit diesem Tag ging ich nie wieder im Fluss baden.